Es gibt Momente, da wünscht sich Albrecht Mayer, er wäre Sänger geworden. Oft wird dem in Bamberg aufgewachsenen Solo-Oboisten des Berliner Philharmonischen Orchesters nach Konzerten gesagt, er habe mit seiner Oboe 'gesungen'. Tatsächlich basiert seine musikalische Ausbildung auf dem Gesang. Als er zehnjährig mit der Oboe-Spielen begann, war er bereits mehrere Jahre Mitglied des Bamberger Domchores. Sein Spiel zeichnet sich durch den besonders warmen Ton, den am Gesang orientierten Phrasierungen und einen überwältigenden Facettenreichtum aus, was mit der Grund dafür sein dürfte, daß der 35jährige mittlerweile einer der gefragtesten Oboisten seiner Generation ist.
Regelmäßig tritt Albrecht Mayer als Solist auf; musiziert solistisch z.B. mit dem derzeitigen Chefdirigenten der Phiharmoniker, Claudio Abbado, Sir Simon Rattle, Ivan Fischer, John Eliot Gardiner oder Sir Roger Norrington. Danach kehrt er wieder an sein Pult im Orchester zurück und ist 'nur' eines von derzeit 118 Mitgliedern der Berliner Philharmoniker. Dort trägt er in den Reihen der Kollegen zum phänomenalen Ruf der Philharmonischen Bläsergruppe bei. Es ist eine eigenartige Konstellation von solistischen Fähigkeiten und dem Willen, sich unterzuorden, mit der Albrecht Mayer, ebenso wie viele seiner Kollegen, lebt. Doch gerade diese Konstellation macht die Berliner Philharmoniker zu dem einzigartigen Klangkörper, der sie sind. Um hier die schwierige Balance zu halten, ist eiserne Disziplin jedes Orchestermitglieds gefragt. Ihm habe es sehr geholfen, schon als Jugendlicher zu verschiedenen Orchestern, beispielsweise dem European Community Youth Orchestra, eingeladen zu werden, sagt Albrecht Mayer rückblickend. Daß er trotzdem auch in den Reihen der Kollegen immer wieder auffällt, ist nicht beabsichtig, oftmals steht es schlichtweg in den Noten. Denn so zögerlich viele Komponisten mit dem Schreiben von Solo-Werken für die Oboe waren, so oft haben sie gerade diesem Instrument wunderschöne, anrührende Orchesterpassagen gewidmet. Und Albrecht Mayer versteht es, aus dem vollen Orchesterklang heraus, das Publikum zu verzaubern. "Doch halt, am Ende des Andante riß uns ein blitzartig dreinfahrendes Oboen-Solo von Albrecht Mayer doch noch vom Sitz. Ein Götterfunke aus der hinteren Reihe!", notiert dann schon mal ein Kritiker nach einer Mozart Symphonie.
Auch Solisten, die mit den Philharmonikern auftreten, bleiben von diesem Zauber nicht unberührt. Als ein begeistertes Publikum die portugiesische Pianisten Maria Joao Pires nicht ohne Zugabe entlassen wollte, schnappte die sich kurzerhand Albrecht Mayer für ein Schuman-Lied; sie begleitete, er "sang" auf der Oboe.
Bisweilen entwickeln sich zwischen Podium und Backstage-Bereich spontan neue Projekte, beispielsweise als der Geiger Nigel Kennedy bei den Philharmonikern auftrat - mit Brahms' Violinkonzert, in dem atemberaubend schöne Dialoge zwischen dem Solisten und der Solo-Oboe des Orchesters vorgesehen sind. Kennedys Begeisterung über seinen "Gesprächspartner" blieb dem Publikum nicht verborgen; ein Kritiker schrieb: "Er weiß, was für einen Partner er in Albrecht Mayer hat, wenn er ihm zum Schluß glücklich die Faust entgegenschwingt." Aus der Anerkennung entstand die Idee, gemeinsam Bachs Doppelkonzert für Oboe und Violine zu spielen. Daraus wiederum entwickelte sich eine überaus erfolgreiche Tournee; auch die CD-Einspielung ist bereits bei EMI erschienen.
Natürlich läßt sich nicht über einen hochkarätigen Orchestermusiker sprechen, ohne einen Blick auf dessen kammermusikalischen Aktivitäten geworfen zu haben. Kammermusik schult die Ohren und gewährt oftmals tiefere Einblicke in die Kompositionsweise; das kommt bei den Philharmonikern letztenendes ihrem sensationellen Orchesterklang zugute. Nicht von ungefähr ist gerade das Berliner Philharmonische Orchester weltweit auch für die unvergleichbare Fülle an hochqualifizierten Kammermusikensembles aus seinen Reihen bekannt. Vom Duo bis zum "Salonorchester" wird in allen denkbaren Zusammensetzungen und Stilrichtungen musiziert, oft in rein philharmonischer Besetzung, häufiger aber noch mit Gästen. Albrecht Mayer ist Mitglied des Bläserquintetts "Berliner Solisten"; außerdem musiziert er regelmäßig mit dem Bläserensemble der Klarinettistin Sabine Meyer. Zahllose weitere Kammermusikauftritte sind in vielen Fällen Zufallsprodukte: man trifft sich, kommt ins Gespräch, verabredet sich, musiziert gemeinsam. So einfach kann das sein. Überhaupt lebt Musik für Albrecht Mayer vornehmlich in der Unmittelbarkeit des Live-Eindrucks. Selten setzt er sich hin, um CDs anzuhören. Als Neu-Berliner verblüffte er einmal einen Journalisten mit der Aussage, er besitze keine Stereo-Anlage. Diesem Zustand wurde auch weiterhin nur provisorisch durch einen Discman und winzigen Computer-Sound-Boxen abgeholfen.
Berührungsängste mit anderen Musikrichtungen, kennt Albrecht Mayer kaum, im Zweifelsfall überwiegt seine Neugier. Wenn es jedoch um die Qualität geht, läßt er sich auf keinerlei Kompromisse ein. Eines Tages kam die Anfrage des Berliner Liedermachers Reinhard Mey, ob Albrecht Mayer nicht ein Oboensolo für die CD "Flaschenpost" einspielen wolle. Da er Meys Musik schätzt, nahm er gerne an und lieferte im Studio das ab, was in Fachkreisen bereits Qualität "à la Mayer" genannt wird. Den Eindruck, den er damit bei Liedermacher und Techniker-Crew hinterließ, war gewaltig. Reinhard Mey äußerte sich in einem Interview über Albrecht Mayers Spiel: "Da haben wir nur gelauscht und gedacht, was für ein bevorzugtes Leben wir doch führen".
Seine eigene Diskographie umfaßt eine Reihe von Einspielungen deren Schwerpunkte immer wieder abseits des Mainstream-Repertoires liegen. Nachdrücklich setzt sich Albrecht Mayer für unbekannte oder zu Unrecht vergessene Werke der Oboenliteratur ein. Mit Erfolg, wie die Aufnahme mit romantischem Repertoire beweist, die er mit dem Pianisten Markus Becker für EMI eingespielt hat und die von der englischen Zeitschrift 'Classic FM' umgehend zur "Romantic CD of the Month" gekürt wurde oder die hochgelobte Neuaufnahme der Oboenkonzerte von Richard Strauss, Ralph Vaughan Williams und Ermanno Wolf-Ferrari bei Cavalli Records.
Bei den vielen Verpflichtungen scheint es fast ausgeschlossen, daß Zeit für Muße übrig bleiben soll. "Alles nur eine Sache der Organisation", grinst Albrecht Mayer auf so eine Frage verschmitzt. Ob er nun joggen geht oder Pilze sammeln, auf einem der Berliner Flohmärke nach alten Armbanduhren sucht oder seine Wohnung mit den Souvenirs der letzten Orchesterreise verziert, für alles läßt sich Zeit und vor allem Ruhe finden. Mehr noch: die Beschäftigung mit anderen, 'musikfremden' Dingen und nicht zuletzt der reine Genuß des 'Nichts-Tuns' sind ein unabdingbares Gegengewicht zu der Konzentration und dem Einsatz, die ihm sein Beruf abfordern. Mit dem durchgeistigten Künstler, der sich in der Realität nicht zurecht findet, hat er nichts am Hut; Albrecht Mayer steht mit beiden Beinen im Leben. Wenn der Wagen mal streikt, wandern die sonst hochbezahlten Solistenfinger wie selbstverständlich unter die Motorhaube. Kommen Freunde zum Essen, schwingt der Künstler höchstpersönlich den Kochlöffel und ist anschließend auch bei jeder Diskussion oder beim Fachsimpeln über Gott und die Welt mit Leidenschaft dabei.
Wie gesagt, es ist hauptsächlich eine Frage der Organisation. An erster Stelle stehen immer die Orchesterdienste. Nach ihnen richten sich alle anderen Termine. Und wenn die sich gut fügen, kann es sein, daß Albrecht Mayer nach einem philharmonischen Konzert noch mit Freunden und Kollegen in eine Kneipe abtaucht, dann nach Hause geht, um Koffer zu packen, weil der Flieger nach London früh am nächsten Morgen geht. Dort ist er Solist eines Konzertes unter der Schirmherrschaft des künftigen Philharmoniker-Chefs, Sir Simon Rattle, zugunsten von "Learning for Life", einer Kinderhilfsorganisation, die sich die Bekämpfung der Kinder-Armut in Indien und Pakistan durch Schaffung verbesserter Ausbildungsmöglichkeiten zum Ziel setzt. An den beiden Tage danach hält er Master Classes ab; die Royal Academy hat schon so oft angefragt und diese Mal wollte er nicht wieder absagen. Zudem interessiert ihn natürlich der Dialog mit Musikstudenten, die eines Tages seine Kollegen sein könnten.
Anfang der folgenden Woche hat ihn das philharmonische Publikum wieder. Dann sitzt er am Pult der ersten Oboe, genießt den einzigartigen Orchesterklang und träumt möglicherweise von einer Wiedergeburt als Sänger. Etwaige Früchte dieser zweiten Begabung werden aber wohl Freunden im privaten Kreis oder den Kollegen im Rahmen philharmonischer Feste vorbehalten bleiben.

Stand: Juli 2001

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